26 Februar 2011 ~ 0 Comments

4. Angst vor Akademikern / Angst der Akademiker

4. Angst vor Akademikern / Angst der Akademiker


Vielerorts, gerade auf den Nachrichtenseiten mit Kommentarfunktion im Internet, kann man eine allmähliche Abspaltung von ganzen Bevölkerungsteilen beobachten. Während ein Teil versucht, über die inhaltliche Ebene das Für und Wider von Argumenten und Einstellungen zu streiten, reagiert ein großer Teil eben auch stereotypisch: Politik und Verwaltung, solange von Menschen vertreten, die ein Studium absolviert haben, werden abgestraft. „Die haben nie gearbeitet, deswegen können die auch nichts“ – verknappt auf diese Aussage kann man eine Haltung konstatieren, die weit verbreitet zu sein scheint. Auch hier kann man einen Vergleich mit der „Tea Party“ Bewegung ziehen: Auch die Anhänger dieser neuen Gruppe innerhalb der Republikanischen Partei hegen einen enormen Unmut gegenüber Menschen mit akademischer Ausbildung. So wird US-Präsident Obama gar nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern wegen seiner Ausbildung als Jurist in weiten Teilen des Landes nunmehr skeptisch beobachtet.

In diesem Land gibt es eine Angst vor Akademikern. Die Angst ist vor allem dort anzutreffen, wo tatsächlich auch falsche Entscheidungen auf der politischen und staatlichen Ebene getroffen wurden, die sogar zum sozialen Abstieg dieser Milieus führte – dort ist das Ziel der sozialen Emanzipation in weite Ferne gerückt. Aber: Warum sollten sie auch auf die Expertisen der scheinbar besser Gebildeten vertrauen? Sind es doch genau deren Konzepte, die zum Beispiel durch die Arbeitsmarktreformen im letzten Jahrzehnt nicht nur Hürden zum Wiedereinstieg in den Jobmarkt abgebaut haben. Vielmehr ist durch diese Reformen eine Schattenwirtschaft entstanden, die sich letzten Endes an Bildungsarmut und fehlenden finanziellen Mitteln der Betroffenen bereichert hat – ohne dass tatsächlich die Situation für Empfänger von Sozialleistungen verbessert wurde.

Nun stehen wir vor einem Dilemma: Die gleiche Angst haben viele – vornehmlich herkunftsdeutsche – Akademiker vor dieser „Unterschicht“. Das Phänomen Thilo Sarrazin zeigt sehr deutlich, wie stark diese Gesellschaft schon eingerissen ist. Tatsächlich bleibt am Ende die Frage: Wer kann Entscheidungen mit herbeiführen, die diese Situation überwindet? Diejenigen, die jeweils vor der anderen Seite Angst haben? Oder die politische Klasse, die in den letzten 25 Jahren maßgeblich dazu beigetragen hat, dass in etwa ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung faktisch in prekären Verhältnissen beschäftigt ist?

Festzuhalten bleibt, dass die SPD und ihre Gliederungen zunehmend akademisch argumentieren und auch in theoretischen Debatten den Fokus verlieren und nicht abschätzen, wie eine mögliche politische Initiative in der Bevölkerung ankommen könnte. Beispiel: Aufgrund der steigenden Energie- und Personalkosten vereinbaren die Verkehrsverbünde steigende Fahrpreise. Vor Ort verstärkt der Verkehrsbetrieb durch die Rückführung des Angebots (beispielsweise durch Streichung von ganzen Bus- oder Tramlinien) gleich mit dafür, dass die Nachfrage nach dem ÖPNV nachlässt.

Wer bestimmt dieses Handeln? Richtig: Die oft zitierte Alternativlosigkeit bei Entscheidungen. Diese herbeigeführte und akademisch argumentierte „Ermessensreduzierung auf Null“ durch die Politik ist nichts weniger als ein Armutszeugnis. Was ist das Handlungsmotiv bei solchen Entscheidungen? Ökologie und die Gewährleistung von Mobilität für Jedermann scheinen es nicht zu sein. Wer so entscheidet wie in diesem Beispiel, braucht sich über den Verdruss der Menschen nicht zu wundern.

Die Frauenquote in der Wirtschaft als Werkzeug zur Realisierung einer geschlechtergerechten Gesellschaft ins Spiel zu bringen, ist richtig. Die gleiche Bezahlung von gleicher Arbeit für Mann und Frau ebenso. Die SPD darf auch hier ihren emanzipatorischen Kern nicht verlieren. Zurzeit lässt sie sich dort ganz gerne von Ursula von der Leyen und der CDU den Schneid abkaufen. Für uns bedeutet die Stärkung von Frauenrechten auch mehr als sie nur auf dem Arbeitsmarkt scheinbar gleichzustellen.

Zu weit geht es aber, wenn nun die Überwindung der sogenannten „Heteronormativität“ oder des „Geschlechterdenkens“ gefordert wird. Das ist eine Diskussion, die beim nun von mir exemplarisch erwähnten „Klopper am Gleis“ absolut nicht präsent ist. Und ob die durchgängige Bezeichnung von Gegenständen und Vorgängen ohne Berücksichtigung auf ihr Wirken auf Homosexuelle und andere nun die große soziale Frage ist, mag auch bezweifelt werden. Gewiss: Eine sukzessive Auflösung alter Geschlechterrollen und von Rollen bestimmter sexueller Orientierungen scheint nicht verkehrt zu sein.

Ich behaupte: Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung verstehen den Sinn dieser Debatten nicht. Hier ist keine Vorarbeit geleistet worden. Bevor man einen Fließbandarbeiter auffordert, seinen „Gender zu killen“, sollte man ihm zumindest bewusst machen, warum die Beibehaltung von Geschlechterrollen gerade in der kapitalistischen Werteordnung für Ungleichheit sorgt.

Die Diskussion um Geschlecht und Gesellschaft wird ausschließlich akademisch geführt und ist ein Paradebeispiel dafür, dass sich zumindest Strömungen der SPD um Dinge kümmern, die von einem Großteil der Menschen nicht verstanden werden und in der ersten Reaktion wohl auch auf Unverständnis stoßen.

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