10 Februar 2015 ~ 0 Comments

Demokratie in Unternehmen?

In meinem letzten Beitrag auf dieser Seite habe ich die aktuelle Diskussion um mehr Demokratie in Unternehmen angedeutet. Ex-Telekom-Personalchef Thomas Sattelberger fordert öffentlichkeitswirksam “das demokratische Unternehmen”. Teilhabe, so betitelt die Wirtschaftswoche ein Interview mit ihm, sei die neue Wertschöpfung. Eine Studie der University of Massachusetts stellt einen Zusammenhang zwischen Beteiligung von Beschäftigten und Produktivität her. Wie soll diese Art der Beteiligung aussehen? Für Sattelberger ist klar:

“Wer mehr Demokratie in seinem Unternehmen verankern will, der muss Mitarbeiter an Willensbildung und Entscheidungen beteiligen – auch bei der Frage, wer führt.” (Süddeutsche Zeitung, 7. Februar)

Er lässt dabei aber gezielt offen, welche Mitarbeiter er konkret meint. Im zitierten Beitrag in der Süddeutschen beschreibt der Manager, die von ihm geforderte Demokratisierung sei bloß die Konsequenz eines Dreiklangs aus “Talent, Technologie, Teilhabe”. Einerseits vermehre sich die Zahl der Talente auf dem Arbeitsmarkt, andererseits seien die Möglichkeiten zur Teilhabe durch den digitalen Fortschritt auch tatsächlich vielfältiger.

In meinem letzten Text habe ich die Gefahr einer konservativen Umdeutung progressiver Politik beschrieben. Viele konservative Politiker geben sich mittlerweile mit der eingetragenen Partnerschaft für homosexuelle Paare zufrieden, manche haben auch kein Problem mit dem Szenario der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe. Für viele progressiv Denkende ist die Öffnung der Partnerschaften notwendig, weil Staat und Öffentlichkeit nicht vorzuschreiben haben, wie man ein gemeinsames Leben gestalten soll. Das Privileg der Ehe mit allen Vergünstigungen ist ein unmittelbarer Ausfluss. Konservative hingegen sehen in der Homo-Ehe mittlerweile ein konservatives Sakrileg. Immerhin gehe es auch bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, verbindlich füreinander einzustehen. Dies sei konservativ und damit natürlich schützenswert.

Gleiches werden wir bei der Frauenquote in Führungsetagen und Aufsichtsräten erleben. Progressiven ging es darum, das Patriarchat der Wirtschaftslenker aufzubrechen. Die Quote wird in konservativen Kreisen heute noch als Gängelung und Bevormundung der freien Wirtschaft verstanden. In wenigen Jahren wird auch hier eine Umdeutung stattfinden: Immerhin zementiert die Quote entsprechende Führungsstrukturen in Aktiengesellschaften für die nächsten Jahre. Man hätte das Projekt Quote – das ich richtig finde – mit Maßnahmen für schlecht qualifizierte Frauen dringend verbessern müssen. Die Quote hätte Bestandteil eines universellen Aufstiegsprogramms für Frauen sein sollen.

Ähnlich wie in den vergangenen beiden Beispielen versuchen nun Akteure wie Sattelberger, den progressiven Begriff der Wirtschaftsdemokratie umzudeuten. In dessen Argumentation finden zunächst nicht näher umschriebene Talente ihren Platz. Bei genauer Lektüre ist aber klar, dass Produktionsmitarbeiter/innen und auf unterer Ebene kaufmännisch Mitarbeitende nicht gemeint sein können. Als Beispiel wird das Unternehmen Virgin dargestellt, dessen Chef Richard Branson allen Mitarbeitenden freistellt, wann und wie sie Urlaub nehmen möchten. Das ist eine schöne Utopie, aber auch eine große Gefahr (ich habe das in diesem Artikel geschildert). Der Autor schildert ansonsten noch demokratische Beteiligungsmodelle bei Softwareentwicklern. In Entwicklungsabteilungen mag die freie Urlaubswahl möglich sein, wenn das Entwicklungsziel erreicht wird. In der industriellen Produktion wird dies schon schwieriger. Nach dieser Utopie hat Arbeit bald keine Regeln mehr. Die Schwächsten werden sich freuen.

Sattelberger beschreibt seine Vision der demokratisierten Arbeitswelt so in Richtung Gewerkschaften: “Gewerkschaften denken an eine Erosion der Mitbestimmung durch direkte Partizipation.” Das klingt theoretisch gut. Praktisch wird sich direkte Partizipation so auswirken wie direkte Demokratie: Sozial selektiv. Einige “Talente” werden sich beteiligen können, andere können oder wollen es vielleicht nicht (siehe Studie zur direkten Demokratie). Die Folge wäre eine unausweichliche Zweiteilung der Belegschaften. Das wäre wenig demokratisch.

Wirtschaftsdemokratie, die tatsächlich alle Akteure einbindend, muss kollektiv verstanden werden. Hier benötigen wir von gesetzgeberischer Seite möglicherweise eine neue Unternehmensrechtsform. Gewerkschaften sollten sich in Zeiten, in denen Verbraucherpreise sinken, überlegen, welche zusätzlichen und entgeltunabhängigen Forderungen in Tarifverträge passen. Die IG Metall bringt vollkommen zu Recht die Frage der Bildungsteilzeit in die aktuelle Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie. Die Gegenseite hält nicht viel von Mitbestimmung und weiten Rechten im Bereich der Weiterbildung. Sie wollen weiterhin nach ihrem Gutdünken entscheiden, wer sich weiterbilden darf und wer nicht. Demokratie im Betrieb beginnt nicht erst dort, wo jemand Talent ist. Die Entscheidung, wer überhaupt Talent sein darf (nach dem Bild von Sattelberger), darf nicht einseitig getroffen werden.

Deswegen sollten Gewerkschaften nicht bei der Bildungsteilzeit aufhören. Gemeinsam sollten sie mit den eher progressiven Parteien überlegen, welche Errungenschaften zumindest teilweise auch vom Gesetzgeber als gesetzliche Leitplanke gesetzt werden sollten, ohne die Tarifautonomie zu untergraben. Und sie selbst sollten die vorhandenen Tarifverträge um neue Projekte ergänzen. Wir reden auch über den Wechsel im Bereich Mobilität. Warum sollten NRW-Tickets für Azubis und Beschäftigte (oder BaWü- bzw. Niedersachsen-Fahrkarten) nicht Bestandteil von Tarifverträgen sein? Der ÖPNV ist chronisch unterfinanziert. Daran wird sich nichts ändern, solange die steuerliche Lastenverteilung gleichbleibt (und diese ändert sich nur, wenn die SPD endlich mutiger wird). Auch andere Fragen der E-Mobility könnten diskutiert werden. Oder wie wäre es, wenn Lohnverzicht bei Sanierungstarifverträgen durch mehr Mitbestimmung oder Beteiligung am Unternehmen ausgeglichen würde? Das wäre Wirtschaftsdemokratie. Für alle.

Hinterlasse einen Kommentar