28 Februar 2015 ~ 0 Comments

Der Fall E.

Ich habe an dieser Stelle schon einmal über den Fall Sebastian Edathy geschrieben. Nun habe ich in der ZEIT (09/15, S. 10) einen ganzseitigen Artikel gelesen, der nur eines sein kann: Eine ziemliche Sauerei. Die Autoren dieses Artikels gehen so weit, dass sie vom ehemaligen Abgeordneten Entschuldigung und Rechtfertigung für die Eingabe von Suchbegriffen in einer Suchmaschine einfordern.

Diskutiert man über den Fall Edathy, ist man schnell in der Rechtfertigungsspirale. Ich durfte mir schon einiges anhören, weil ich der Meinung bin, dass die Erörterung dieses Falls zunächst von den Gerichten bewertet werden sollte. Es tut keinem weh, eine Bewertung erst im Nachgang vorzunehmen. Ja, ich glaube an die Unschuldsvermutung. Und diejenigen, die mittlerweile schon die Eingabe bestimmter Suchbegriffe als vermeintlichen Beweis liefern wollen, interessiert dieses elementare Detail unseres Rechtsstaats nicht.

Neulich musste ich mich, weil ich nichts anderes als das im letzten Absatz Geschriebene behauptet habe, fragen lassen, ob ich auch “so eine Neigung” habe. Immerhin sei doch klar, um was es gehe. ZEIT, SPIEGEL und Co. lieferten schließlich Auszüge aus den Schriftsätzen. Nun, tatsächlich gehöre ich zu denen, die Kindesmissbrauch sowie Herstellung und Betrieb von kinder- beziehungsweise jugendpornografischen Medien als staatlich zu gering sanktioniert betrachten. Allerdings halte ich immer noch wenig davon, Selbstjustiz zu fordern oder gar die Wiedereinführung der Todesstrafe.

In vielen Fällen führt die mediale Überberichterstattung prominenter bis wenig prominenter vermeintlicher Täter in diesem Segment dazu, dass die Gerichte auch aufgrund der Berichterstattung tendenziell mildere Urteile fällen. Man könnte meinen, den Meinungsmachern ginge es gar nicht um eine Verurteilung oder gar ein faires Verfahren. Selbstverständlich schaut man auf Schlagzeilen, Auflage, Standing beim Chef vom Dienst.

Der Artikel über Edathy in der ZEIT ist dermaßen grotesk, dass das renommierte Blatt aus Hamburg um seinen Ruf bangen muss. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete geht auf seiner Facebook-Seite auf einige Fetzen des ZEIT-Textes ein und zeigt, wie absurd die Aufzählung einzelner Kapitel aus dem Leben des Privatmanns Edathy sind. Da geht es um eine Geburtstagssause in einem Parkhaus, um die Abiturnote, um den eigentlichen Nachnamen Edathiparambil. Die Geschichte des Nachnamens war bislang höchstens Thema auf einschlägigen Portalen wie PI News oder Altermedia. Nun schreibt die ZEIT:

Irgendwann verschwand sein richtiger Name. Aus Edathiparambil wurde Edathy. Das Verkürzen des Namens war einfach, das Modellieren der eigenen Identität ist komplizierter. (ZEIT, 09/15, S. 10)

Sebastian Edathy, das deuten die Autoren auf dem Platz einer ganzen ZEIT-Seite nur ganz kurz an, hatte auch aufgrund seines Namens mit rassistischen Anfeidungen zeit seines Lebens zu tun. Dass das Wochenblatt an dieser Stelle ein Spiel à la PI News treibt, ist bemerkenswert bis latent rassistisch. Je nach Standpunkt. Jedenfalls will mit diesem Zitat auch wieder Stimmung erzeugt werden. Edathy ist kein Mensch. Er hat sich selbst konstruiert. Selbst beim Nachnamen hat er Hand angelegt. Die Entmenschlichung schlägt hier fehl. Man sollte dieses Instrument auch sonst nicht anwenden. Wir müssen keine Monster schaffen. Es ist nicht notwendig, einen Gegenentwurf des Menschen zu zeichnen, damit der ZEIT-Leser weiß, dass er weiterhin auf der guten Seite steht.

An einer Stelle wird ein privates Erlebnis in der Zeit geschildert, in der Sebastian Edathy als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses durch das Land zog. Dort sei er nach einer Veranstaltung unnahbar gewesen, habe bloß eine Zigarette geraucht und sei abgehauen. Er selbst schildert auf seinem Facebook-Profil dieses Ereignis ein wenig anders und erwähnt eine Stalkerin.

Im Herbst 2012 kam der damalige Vorsitzende des Untersuchungsausschusses auch nach Lüdenscheid. Ich durfte ihn am Hagener Hauptbahnhof abholen und ihn später auch wieder zurückbringen – samt Hund Felix. Mein Eindruck von ihm war ein ganz anderer als der, der in der ZEIT geschildert wurde. Schon im Vorfeld zur Klärung der Ankunfts- und Abfahrtzeiten wirkte er eher locker als distanziert-zurückhaltend. Natürlich konnte er auf der Rückfahrt sein Handy nicht aus der Hand lassen. Er war aber auch bekannt dafür, einer der schnellen Facebook-Abgeordneten zu sein und auf seiner eigenen Seite selbst zu kommentieren. Seine Facebook-Aktivitäten haben ihn nicht davon abgehalten, zweimal rund 30 Minuten mit mir ganz normal zu sprechen.

Ich könnte nun noch das eine oder andere rund um diese Veranstaltung hier erwähnen. Mir geht es aber, anders als der ZEIT, nicht um Tratsch. Vielleicht könnte das eine oder andere Detail auch bei der politischen Aufklärung des Falls helfen. Es würde aber keine Rolle spielen. Es gibt mit Sicherheit noch andere Menschen, die mit Edathy bekannt waren/sind und ein anderes Bild zeichnen können. Der ZEIT genügt es wieder einmal, einfach nur ein “Monster” zu schaffen, damit – wie oben schon geschrieben – die eigenen Leser sich vergewissern können, auf der guten und menschlichen Seite des Lebens zu stehen.

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