22 November 2012 ~ 1 Comment

Doom & Gloom

Neulich saß ich im Auto und hörte auf einer Fahrt irgendwohin einen Song, der auf WDR2 gespielt wurde. Das Lied war mir unbekannt bis dato. Die erste einsetzende Gitarre klang noch ein wenig nach Jack White oder Oasis zum Beispiel in “Cigarettes and Alcohol”. Kurz darauf wird ein bisschen à la “Stay With Me” von den Faces geschreddert. Es könnten aber auch die Stones sein. Was nahe liegt, immerhin war Stones-Gitarrist Ronnie Wood irgendwann einmal auch Faces-Gitarrist. Schließlich setzt ein Backbeat ein, der nur von Charlie Watts kommt. Und schließlich singt dann Mick Jagger. Meine Konzentration lag nun auf dem Radiosound. Für die Beachtung des Straßenverkehrs war kaum noch Raum frei gewesen.

Je länger das Lied nun gelaufen war, desto weniger konnte ich glauben, was ich dort auf die Ohren bekommen hatte. Immer wieder fragte ich mich: Was soll das? Ist das irgendeine dieser Gastmusiker-Geschichten, die es unter anderem bei Youtube so oft zu sehen gibt? Oder ist es wieder eine Superband-Geschichte, bei der alle Stars mitsingen, mitspielen und sich wohl auch gegenseitig anfassen dürfen? Es war auf jeden Fall ein neuer Song. Ich kannte ihn zumindest nicht (und das sollte ein Hinweis für die vorangestellte Annahme sein). Es musste aber ein Song der Stones sein. Immerhin sang der Frontmann (und wenn man seine Stimme nicht hörte, war zumindest etwas harpähnliches zu vernehmen) und die verbliebenen Mitglieder der Gruppe waren ebenfalls herauszuhören. Das geht tatsächlich. Kein Schlagzeuger spielt gleichzeitig so prägnant und reduziert wie Charlie Watts. Und wenn Ron Wood oder Keith Richards Saiten anschlagen, kriegt man das ebenfalls mit.

Wenn in den letzten beiden Jahrzehnten neue Songs der Stones herausgekommen waren – ich beziehe mich also auf die Zeit, an die ich mich aktiv erinnern kann -, war es entweder sehr steril aufgemacht (“Love Is Strong”) oder dem entgegengesetzt überproduziert (alles auf “Bridges To Babylon”). Dieses Lied – es heißt “Doom And Gloom” – ist beides nicht. Man merkt hier und da Effekte und Übersteuern, aber keinen Effekt-Aktionismus. Und das ist gut so: Wenn nämlich ein kleines BIC-Feuerzeug ein Effektgerät hätte, könnte Effektspezialist “The Edge” von U2 wahrscheinlich daraus ein “Rhein in Flammen” oder ein ganzes Silvesterfeuerwerk über Berlin veranstalten. Die Stones haben sich hier zum Glück von der ganzen “Effekthascherei” zurückgezogen, wie eben zuletzt unter anderem auf “Bridges To Babylon”.

In den letzten Tagen habe ich mir die Nummer immer wieder angehört. Der Sound ist supersatt. Mick Jagger ist mit 69 immer noch ein guter Shouter. Jaggers Pendant Rod Stewart kann da in puncto Volumen nicht mehr mithalten (was wohl auch einer Krebserkrankung vor Jahren geschuldet ist). Es fällt mir schwer, auf das Erlebte “klar zu kommen”. Immerhin hat die Band mit der roten Zunge als Markenzeichen es geschafft, ihren unverkennbaren Grundsound beizubehalten und auf der anderen Seite alle neuen Rock-Helden in den Schatten zu stellen. Der Titel ist eine Ansage.

Auch textlich: Da werden beiläufig die westlichen Kreuzkrieger der letzten zehn Jahre angegangen (“Lost all that treasure in an overseas war / It just goes to show you don’t get what you paid for”), das Prinzip “nach oben buckeln, nach unten treten” wird thematisiert (“Battle to the rich and you worry about the poor”) und auch die Gewinnung von fossilen Brennstoffen durch Fracking findet Einzug in den Songtext. Der Erzähler beklagt sich über die Unmengen an Junkfood, die krank machen, über den (unter anderem durch Fracking) verseuchten Boden, auf dem die Kinder spielen – und wird an keiner Stelle zum Gutmenschen.  Der Song bleibt Rock ‘n’ Roll. Abseits der Wehklage spricht der Erzähler – ein Mann – eine Person – wohl eine Frau – an, die er sowohl bei Sonnenlicht und Dunkelheit sieht. Ununterbrochen fordert er sie zum tanzen auf. Aber wer möchte schon bei Verderben und Dunkelheit (“Doom” und “Gloom”) noch das Tanzbein schwingen? Wohl nicht. Diese Interpretation könnte aber zu kurz greifen. Der Erzähler – Mick Jagger – richtet sich nicht an eine Frau (oder einen Mann). Die Aufforderung zum Tanzen (“Baby won’t you dance with me?”) richtet sich an alle Zuhörer: Wollt ihr dies wirklich so hinnehmen?

Der Text hat ohne Zweifel das Zeug, eine Hymne (wie “You Can’t Always Get What You Want” vor gefühlten tausend Jahren) einer Generation zu sein, die in den letzten zwanzig Jahren eigentlich keine andere Welt als die im Song dargestellte kennengelernt haben. Eigentlich hätte dieser Song von den “New Boys” der Szene geschrieben und gespielt werden müssen. Aber was will man erwarten? Bonos Bande schafft es nicht, einen satten Sound, den bekannten Finger in der Wunde und eine direkte Ansprache unter einen Hut zu bringen. Eine Ballade über den Frieden auf der Welt klingt ja auch schöner und die Couchpotatoes (die im Stones-Song ebenfalls angegangen werden) können mit ihren Göttergatinnen das dann kuschelrockmäßig oder so an dem Ort hören, auf dem besagte Kartoffeln wachsen. Tja, und die anderen? Was wollen “Snow Patrol” oder “The Fray” denn anrichten? Und wer möchte schon, dass Tim Bendzko wirklich die Welt rettet – und wenn ja, wie viele? Fernab von diesen Überlegungen: Es bleibt schade, dass Bands à la Foo Fighters nicht über das Bedienen hedonistischer Rocker hinausgehen dieser Tage.

Aber dafür hat man ja nun die Truppe um die “Glimmer Twins” Mick Jagger und Keith Richards. Man überlege sich das einmal: Da kommen Leute daher, die in den letzten Jahren fast in die Versenkung geraten waren (hätte es nicht die ganzen Autobiografien von Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood, einen eher misslungenen Ausritt von Mick Jagger zur Superband “SuperHeavy” oder irgendwelche 50. Jubiläen in den Medien gegeben) und zeigen den ganzen neuen Helden, wer der Herr im Ring ist. Da müssen die zu Recht verehrten Dave Grohls, Jack Whites und Tom Morellos noch einmal nachsitzen. Ich verneige mich.

Eine Antwort to “Doom & Gloom”

  1. Bernd 30 November 2012 at 23:12 Permalink

    ohne scheiss: wuchtiger song!!


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