18 November 2014 ~ 0 Comments

Hooligans: Auch der Fußball ist politisch

Erschienen am 28. Oktober im Fußball-Blog von Mandarify.

Viele Fußballfans freuten sich am Sonntag auf das Topspiel der Hinrunde. Borussia Mönchengladbach empfing den FC Bayern München. Während Fans aus dem ganzen Land auf dem Weg zum Niederrhein gewesen waren, spielten sich nicht unweit von dort heftige Szenen ab. Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Salafisten traf sich die Créme de la Créme deutscher Hooligans, Neonazis und Straßenschläger in Köln.

Um die 4.000 rechtsoffener Hooligans versammelten sich in der Domstadt. Das Bündnis “Hooligans gegen Salafisten” (HoGeSa) rief zur Demonstration auf. Unter ihnen war unter anderem der Dortmunder Zirkel der Partei “Die Rechte” vertreten, ihr “Promi” Siegfried “SS-Siggi” Borchardt durfte da nicht fehlen. Seit über 30 Jahren ist der Gründer der “Borussenfront”, die ihren Fremdenhass auf der Dortmunder Südtribüne verbreiten wollte, Teil der rechten Fanszene (Mehr Infos hier). Die Polizei ging bislang von nur 400 gewaltbereiten Hooligans im ganzen Bundesgebiet aus. Einmal mehr beweisen die Sicherheitsbehörden, dass sie der Realität nicht nachkommen.

Wer sich durch die Fußball-Seiten in den sozialen Netwerken scrollt, findet ernüchternde Beiträge. Sie mögen vielleicht nicht voll repräsentativ sein, dennoch spiegeln sie Situationen wider, die man selbst aus dem Stadion kennt. Da heißt es: “Fußball ist keine Politik.” Oder: “Lass mich mit der Politik in Ruhe, ich will nur dieses Spiel sehen.”

Bevor auf diese Aussagen weiter eingegangen wird, sollte man noch zweiweitere Ereignisse aus der vergangenen Woche betrachten. Am Samstag haben viele Fans von Borussia Dortmund auf der Südtribüne Banner hochgehalten. “NAZIS AUFFE SÜD SIND UNS NICHT SCHEISSEGAL”, “REFUGEES WELCOME” und andere politische Bekenntnisse standen darauf. Ein Fan kommentiert: “Das geht dann auch wieder zu weit weil es einfach ein politisches Thema ist das mit Fußball so gar nichts zu tun hat.”

Am vergangenen Mittwoch informierten die verletzten Bayern-Spieler Bastian Schweinsteiger und Holger Badstuber über ihren Besuch in der Bayernkaserne mit Vereins-Offiziellen. Das Areal wird nicht mehr militärisch genutzt und dient in diesen Tagen als Erstaufnahmelager für Flüchtlinge. Sie verteilten Fußbälle, Vereinspullis und anderes Merchandising an die Asylbewerber. Unabhängig davon, ob dies auch als PR genutzt werden sollte (wie manche Kommentatoren im Netz schreiben) oder nicht: Bastian Schweinsteiger ist weltweit bekannt. Wenn er in ein Flüchtlingslager kommt, wissen die Bewohner wenigstens, wer das ist. Das kann man von Horst Seehofer und anderen Top-Stars der Polit-Szene nicht behaupten. Das, was Schweinsteiger, Badstuber und mit ihnen der FC Bayern gezeigt hat, nennt man Willkommenskultur. Viele honorierten diesen Termin in der Bayernkaserne. Andere sorgten für einen ekelhaften Shitstorm. Einer der Kommentatoren schreibt dort: “Spendet lieber für deutsche !! Es kann nicht angehen das deutsche Familien zu kurz kommen und das Asylanten Gesocks alles in den Arsch gesteckt bekommt !! Das sind die die dich von hinten abstechen würden für 10€ (sic)”

Auch Fußball ist politisch. Das sieht man, wenn am Millerntor Hansa Rostock Gastmannschaft gegen St. Pauli ist. Oder wenn AS Rom gegen Lazio Rom spielt. Manchmal geht es nur um regionale Rivalitäten, hin und wieder geht es auch darum, dass die Fans des “linken” Vereins gegen den “rechten” Club Flagge zeigen. Manchmal eskaliert eine solche Situation eben.

Torwart-Legende Bert Trautmann hat von der britischen Königin einen Verdienstorden erhalten. Der Held des FA-Cup-Finals 1956 und erste Fußballer des Jahres auf der Insel wurde für seine Verdienste um die deutsch-britische Völkerverständigung geehrt. Wenn es nach den Fan-Stimmen, die oben zitiert wurden, geht, hätte Trautmann diese Auszeichnung niemals annehmen dürfen.

Politik, so schreibt der Duden, ist ein auf die Durchsetzung bestimmter Ziele besonders im staatlichen Bereich und auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln von Regierungen, Parlamenten, Parteien, Organisationen o. Ä.. Wenn Hunderttausende am Wochenende ein Fußballspiel besuchen, ist das erst einmal ein Akt, der im öffentlichen Leben stattfindet. Damit die Fans ihr Ziel, das Stadion, überhaupt erreichen, muss eine Menge an politischer Organisation bewerkstelligt werden. Werden Sonderzüge eingesetzt? Stehen öffentliche Straßen für den gemeinsamen Marsch von Fanclubs zum Stadion zur Verfügung? Wie kann man die Kaderschmieden der Vereins-Internate mit dem öffentlichen Schulsystem verzahnen? Diese und andere Fragen müssen geklärt werden. Im Amateursport geht es noch weiter: Hier redet man über die Bereitstellung von Sportplätzen oder die Bezuschussung von Trainingslagern beziehungsweise Sportübungsleitern im Jugendbereich.

Das alles geht nur in einem funktionierenden politischen System. Sicherlich: Die eigene Sportsgerichtsbarkeit sorgt dafür, dass ein grobes Foul durch eine Spielsperre geahndet wird und kein Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung vor einem öffentlichen Gericht gefällt wird. Damit verlässt der Sport jedoch nicht das öffentliche Leben. Insofern sind alle Aussagen, die den Fußballbetrieb in eine unpolitische Ecke stecken, von erheblicher Dummheit getragen. Zwar hat das Vereinsleben – auch dank der Gleichstellung der Nazis – keinen direkten Bezug zur Politik in und von Parteien. Wenn es aber um die Vergünstigungen für Bundesligavereine geht, die Bereitstellung von öffentlichen Gütern oder kommunale Betriebe Sponsoren von Vereinen werden, sind zumindest die Funktionsträger in Vereinen und Parteien nicht weit voneinander entfernt. Ohne diese Nähe würde das Ganze eben nicht funktionieren.

Wer keine Politik auf der Tribüne haben möchte, macht sich selbst mundtot. Andere werden sich äußern. Und dann tönen nicht selten die Affenlaute, wenn ein gegnerischer Spieler afrikanischer Herkunft am Leder ist. Viele Vereine im Profibereich kümmern sich über Fanprojekte darum, dass hier ein Umdenken geschieht. Durch die Annäherung der Führung des FC Bayern und der Fans von der “Schickeria” ist ein Film über den ehemaligen Vereins-Boss Kurt Landauer möglich geworden. Der FC Schalke 04 hat seine Geschichte aufgearbeitet und kümmert sich aufrichtig darum, dass Fremdenvereine in der Nordkurve keinen Platz finden.

Salafisten haben in unserer Gesellschaft nichts verloren. Wenn Neonazis und Hooligans hier gemeinsame Sache machen, muss man nach dem Motiv fragen. Salafismus findet im Fußballstadion nicht statt. Fremdenfeindliche Parolen schon. Nach dem, was in Köln passiert ist, sind die Fans gefragt. Vor allem diejenigen, die keinerlei Nähe zur Politik haben wollen. Wer einer vermeintlichen Vereinnahmung des Sports durch die Berliner Politik widerspricht, muss es erst recht tun, wenn Neonazis, Schläger und Hooligans dies längst tun. Wer hierbei schweigt, trägt Mitverantwortung für jede weitere Stärkung der rechten Fanszene. Wer Profis beleidigt, weil sie Flüchtlingen zeigen, dass sie willkommen sind, sind bereits Teil dieser Szene. Die Zahl der Kommentare auf den Fanseiten von Bastian Schweinsteiger und Holger Badstuber, dazu noch mit realen Namen formuliert, erschreckt.

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