17 April 2009 ~ 0 Comments

Lesenswert

In etwas mehr als einer Stunde beginnt erst meine einzige Veranstaltung, dennoch fuhr ich bereits um 8 Uhr mit dem Zug, um in Ruhe vorher Zeitung lesen zu können. Da der Fall Nadja B. von den N. Angels weiterhin in aller Munde ist, habe ich die heutige Berichterstattung zu diesem Thema noch einmal genauer gelesen. Ich hatte meine SZ dabei und im Zug lag die obligatorische Bild. Wie in den letzten Tagen festzustellen war, so ist auch heute recht eindeutig, dass Mediendeutschland über den Fall unterschiedlich berichtet. Das ist auch gut so.

Während die Bild-Zeitung lauter konservative Chefredakteure zitiert, die gegen die einstweilige Verfügung der B. gegen die Bild-Berichterstattung wettern, ist die SZ einen Schritt weiter: Sie diskutiert nicht über einstweilige Verfügungen oder Berichtverbote. Sie differenziert: Ja, die Staatsanwaltschaft darf und muss über solche Vorfälle informieren. Nein, die Staatsanwaltschaft hätte dennoch die intimsten Details der Intimsphäre von ihrer Informationspflicht abgrenzen müssen.

Während die Bild weiterhin die wildesten Spekulationen zu dem Fall zulässt und eine Art Hexenverbrennung veranstaltet (vor ein paar Tagen meldete sich ein angeblicher Ex-Freund der B. zu Wort, heute gestand ein Ex der B., dass sie vor zehn Jahren schon von ihrer angeblichen Infektion gewusst haben soll), schreiben Hans Leyendecker und Heribert Prantl zu Recht über die Frage nach der Unschuldsvermutung und die Rolle der Staatsanwaltschaft in der Mediengesellschaft.

Es ist nicht nur der Fall der B., der die neue “Transparenz” der Staatsanwaltschaft beweist. Die Fälle Tauss und auch Zumwinkel müssen hier ebenfalls, wie auch Hans Leyendecker schreibt, berücksichtigt werden. Die von der Staatsanwaltschaft preisgegebenen Informationen hatten hier stets nicht nur einen informellen, sondern auch einen verurteilenden Charakter. Die Staatsanwaltschaft aber ist für Urteile nicht zuständig. Gerade in der heutigen Mediengesellschaft muss man auch im Strafprozess und in dessen Vorbereitung die Wirkung der öffentlichen Berichterstattung berücksichtigen. Man wird der B. wahrscheinlich gar nicht mehr beweisen können, ob sie strafrechtlich relevant Geschlechtsverkehr hatte (interessante Formulierung übrigens) – ob sie es getan hat oder nicht. Durch die Verlautbarungen der Staatsanwaltschaft ist die Erörterung des Falles für die Öffentlichkeit egal, Bild und co. wissen: Sie hat es getan.

Vollkommen zu Recht wird in Medien wie der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen ebenso klargestellt, dass es nicht darum ginge, die B. reinzuwaschen. Sehr wohl geht es aber darum, die Umstände kritisch zu beurteilen: Wieso wird die B. vor einem Auftritt in einer Diskothek öffentlichkeitswirksam festgenommen? Man spricht hier von Wiederholungsgefahr. Hatte die B. etwa ihren Auftritt so geplant, dass sie nach ihrer ersten Gesangseinlage mit Bartendern und Go-Go-Tänzerinnen eine ungeschützte Sexorgie auf der Bühne einplante? Den Zusammenhang zwischen Wiederholungsgefahr und Unschuldsvermutung diskutiert auch Prantl in seinem ausführlichen Kommentar in der heutigen SZ.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/723/465315/text/

http://www.sueddeutsche.de/panorama/732/465324/text/

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