31 Juli 2014 ~ 0 Comments

Musik

Musik ist für jeden und jede etwas anderes. Manche lassen Dudelfunk beim Putzen laufen, andere tragen permanent irgendwelche Kopfhörer und laufen von A nach B oder von X nach Y mit Musik auf den Ohren. Einige fahren auch raus ins Grüne, machen die Autofenster auf und lassen ihre Lieblings-CD laufen. Laut, viel Bass, viel Wind in den Haaren. Es soll auch Leute geben, die eine Menge Geld für Soundsysteme ausgeben und sich von allen Seiten des Raumes mit Tschaikowskys Nussknacker beschallen. “Music was my first love”, heißt es in John Miles’ Evergreen “Music”. Und ebenfalls: “And it will be my last.” Mancher mag mit Musik auch gar nichts anfangen.

Was bedeutet “Musik” (ich hab es jetzt einmal in Anführungszeichen gesetzt, weil dieser Begriff ganz unterschiedlich interpretiert werden kann) für mich? Mit diesem Artikel möchte ich mich auf eine Gedankenreise begeben.

Musik ist eine Konserve. Anders als eine Dose Ravioli konserviert sie aber nicht fragwürdige Substanzen, die man mangels Strom oder Feuer auch im Dunkeln kalt essen kann. Sie konserviert Gefühle und Erinnerungen. Erst gestern Abend ist mir etwas passiert, das mich zurück in mein Kinderzimmer und ins Jahr 1993 oder so katapultiert hat. Ich hatte einen Kassettenrekorder mit Radio (irgendwann hatte ich dann auch so ein Teil mit CD-Fach). Damit konnte ich verbotenerweise Europapokalspiele bis in den späten Abend hören. Und ich konnte mich durch das Radioprogramm wühlen und nach Musik suchen, die ich aufnehmen konnte. Es war ein kindliches Glücksgefühl, wenn ich irgendwo ahnte, dass dort zum Beispiel die Stimme von Axl Rose oder Rod Stewart zu hören war. Prompt drückte ich auf “Record” und die Musik war mein. Irgendwann lernte ich auch, dazu zu singen mit irgendeinem Mikrofon. Die entsprechenden Kassettenaufnahmen gibt es glücklicherweise nicht mehr.

1986, mein Geburtsjahrgang, ist sowas wie ein “Zwischenjahrgang”, die Jahre drum herum bilden eine “Zwischengeneration” (sic!). Ich mag diese Formulierung, angelehnt an die Definition des “Zwischenspielers”, den Toni Kroos bei der EM 2012 laut Jogi Löw darstellte. Wir können mit Blei- oder Buntstift die Audio-Kassette zurückspulen und sind eigentlich doch schnell mit der CD groß geworden. Dennoch war an Touch-Displays, MP3-Player und digitale Musik-Datenbanken, die gut genug für ein ganzes Haus voller CD-Regale sein können, nicht zu denken. Kinder-Vollprogramme standen in ihren Kinderschuhen, Privatfernsehen lief in unserer Kindheit noch nicht überall – aber in jeder Grundschulklasse gab es schon welche, die es hatten. Aber das ist ein anderes Thema.

Zu gestern: Es war 22.09 Uhr. Auf WDR 2 lief die Sendung “Heart of Rock”. Diese Sendung ist eine kleine Entschädigung für das, was im Feierabendverkehr über Ultrakurzwelle durchgedudelt wird. Nach zwei Schlägen an der Gitarre wusste ich, dass es nur das Lied “I’d Rather Go Blind” sein könnte, das durch Etta James berühmt wurde. Es ist eine Live-Aufnahme, langsam und blues-lastig. Klingt nach Rod Stewart, dachte ich. Aber: Ich hätte die Version erkennen müssen. Erst neulich habe ich bei Spotify und Youtube alle möglichen von ihm gesungenen Versionen dieses Songs angespielt. Nach dem dritten Akkord sagte ich zur Beifahrerin: “Das muss ‘I’d Rather Go Blind’ sein. Nur von wem?” Immer wieder ergänzte ich: “Von wem? Von wem? Von wem?” Nach einer halben Minute sang dann jemand: “Something told me it was over / When I saw you and him talking” Es war – wie sollte es anders sein – eben Rod Stewart. Ich schrie es raus und hämmerte auf das Lenkrad ein, wie ich früher auf die Bettkante geschlagen hatte, als ich einen Fetzen Musik für meine Kassetten im Radio gefunden hatte. Die Nachbarin schaute komisch. Aber was will man machen, wenn man ein Gefühl wieder entdeckt, das man fast 20 Jahre in sich konservieren kann, das aber wie frisch zubereitet daherkommt?

Die Redaktion des WDR 2 hat mir bei der Recherche nach der konkreten Version von “I’d Rather Go Blind” geholfen. Man findet sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=KT0kCJiHeVg (ab Minute 33:32) – Besten Dank! Das Album gibt es weder bei Spotify, noch ist es im deutschen Handel für unter 50 Euro zu haben.

Ähnlich war es vor ein paar Wochen. WDR 2 spielt in der Reihe “History of Pop”* regelmäßig jeweils ein bestimmtes Lied und gibt ein paar Fakten zu dem jeweiligen Song zum Besten. Ohne besonderen Grund fuhr ich mit dem Auto in die Stadt, während dieser Beitrag lief. Es wurden ein paar Fakten zu dem Stück genannt, Hintergründe, Entstehungsgeschichte und auch Erfahrenswertes zur Autorin. Dann lief das Lied im Airplay. Es dauerte keine Sekunde und ich befand mich mit meinem inneren Auge in dem Club, in dem ich nicht nur einmal hierzu die Hüften kreisen ließ (ich glaube immer noch, dass das bei mir gut aussieht…). Dieser Moment liegt ein paar Jahre zurück. Aber ich hatte ihn wieder. Ich fragte mich: Was macht eigentlich der X oder die Y, die damals immer dabei gewesen waren, wenn wir in die Clubs gingen? Und: Was haben unsere Klamotten nach Zigaretten gestunken, wenn wir dann wieder rauskamen. Andere Baustelle.

Aber es geht auch simpler. Wenn Grönemeyers “Zeit, dass sich etwas dreht” irgendwo läuft, sehe ich mich im Sommer 2006 vor einer Leinwand. Dann beginnt es plötzlich zu regnen und wir müssen von der Dortmunder Westfalenhalle irgendwie zur Rheinoldikirche und dann irgendwann zum Bahnhof in einen überfüllten Zug mit Leuten, die das Spiel Deutschland:Polen entweder im Stadion, auf dem Friedensplatz, in der Halle oder wo auch immer gesehen haben.

Musik ist aber auch ein Abenteuer. Ich habe in den letzten Jahren viele Autobiografien mittlerweile sehr alter Rockstars gelesen. Und dadurch entstand ein zusammengesetztes Puzzle zu vielen bekannten Musikstücken. Wo und wie wurde es produziert, welche Drogen konsumiert? Wer war gestorben, wer neu ins Leben? Und mit geschlossenen Augen ist man ganz schnell irgendwo in Dartford oder Seattle.

Die eigenen Versuche, irgendwas zu vertonen oder irrwitzige Fahrten zu Festivals und Konzerten sind ebenso Abenteuer wie auch das eine oder andere dunkle Kapitel. Wenn man mit lauter unbekannten Leuten irgendwo an einer Bahnstation unter freiem Himmel schläft, weil nix mehr fährt. Oder wenn man große Erwartungen an ein Konzert hat und alle Hoffnungen enttäuscht werden. Und ich könnte nun auch noch über ein musikalisches Abenteuer berichten, das mir bis heute eine Menge Ärger macht. Obwohl ich vielleicht eine der beteiligten Musikgruppen vielleicht so zur Hälfte gut finde.

Musik ist Befreiung. Dank Spotify und vieler anderer netter Seiten im Internet lernt man nie aus. Das ist wie mit der Dauerschleife bei Wikipedia: Erst schlägt man nach, was die SPD in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts gemacht hat und am Ende landet man bei ganz fragwürdigen Themen. Beginnt man bei Spotify bei den Rolling Stones oder Rod Stewart, ist man schnell bei Sam Cooke, Otis Redding, Bob Dylan, Johnny Cash, Elvis Costello oder Buddy Holly. Wer mit den Foo Fighters startet, fliegt schnell weiter über Pearl Jam, White Stripes, Hives und landet irgendwann doch bei den Beatles.

Und auf diesen Reisen findet man immer mal wieder Perlen, die natürlich nicht jeder so klasse findet. Aber man selbst steigert sich dann schon rein. So kam ich zu Etta James, Bombay Bicycle Club und vielen anderen. Es ist einfach so passiert. Und man vergisst ganz schnell das, was um einen herum so passiert. Klasse, oder?

  • Die Freunde von WDR 2 haben mir freundlicherweise den Titel dieser Beitragsreihe mitgeteilt. Dankeschön!

(Vielleicht ergänze ich das hier mal irgendwann..)

Hinterlasse einen Kommentar