02 November 2014 ~ 0 Comments

Neue Arbeit gleich gute Arbeit?

Urlaubs-Flatrate, Home Office, freie Projektwahl: Das Arbeitsleben könnte so schön sein. Könnte? Vor einigen Wochen sorgten Unternehmen wie Microsoft für Furore. Ihre Idee: Die Belegschaft solle frei entscheiden können, ob und wie viel Urlaub sie benötige. Die Bindung an den Büro-Arbeitsplatz könne entfallen, solange die Arbeit erledigt werde. Und noch ein Schritt weiter: Bald solle man auch frei entscheiden können, in welcher Abteilung oder an welchem Projekt man arbeite.

Verblüffend ist, dass zur gleichen Zeit auch die Gewerkschaften den Faktor Zeit stärker in den Fokus nehmen. Die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie möchte die IG Metall soll durch eben dieses Thema bestimmt werden. Sicherlich: Bildungsteilzeit und neue Altersteilzeitmodelle stehen bei Microsoft nicht unbedingt an erster Stelle auf der Tagesordnung. Aber am Ende geht es auf beiden Seiten darum, Freizeit als lebenswichtiges Elixier zu retten. In der sich schnell wandelnden Arbeitswelt auf dem Weg zu “Industrie 4.0” und “Share Economy” darf die freie Lebensgestaltung nicht auf der Strecke bleiben.

Trotz aller neuen  Freiheiten sind die Bedenkenträger gefragt. Nicht, um neue Ideen kaputt zu machen, sondern um Errungenschaften nicht unverrückbar zu zerstören. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Reiner Hoffmann, warnt nicht ohne Grund vor den Risiken der “Share Economy”. Wenn Güter und Dienstleistungen immer öfter durch Tausch oder andere Vorgänge umlaufen, wird der tatsächliche Wertschöpfungsprozess verschleiert.

Gleiches gilt für Risiken. Im letzten Jahr fuhr ich spontan nach Berlin, um dort Silvester zu feiern. Für die Hin- und Rückfahrt bot ich über “Blablacar” an, Leute mitzunehmen. An den Bahnhöfen traf ich auf andere Fahrer, die diese Dienste regelmäßig anbieten – unangemeldet, nicht zusätzlich versichert – in einer rechtlichen Grauzone. Auf der Hinfahrt hatte ich großes Glück mit meinen Mitfahrenden, skurril-witzige Gesprächssituationen konnten entstehen. Am Ende hatte ich mir als Fahrer das Silvesterabend-Budget erarbeitet, die von “Blablacar” ermittelten Mitfahrerbeiträge deckten die Benzinkosten locker ab.

Was andere wohl verdienen mögen, wenn sie mehrmals am Tag von Hannover nach Berlin und zurück fahren? Wer kontrolliert da eigentlich Pausenzeiten? Wie kann der Rechtsstaat eigentlich all die Schutzvorschriften noch durchsetzen, wenn sie auf diesen Feldern ja dauernd angegriffen werden? Gerade wo “Uber” sich möglicherweise sogar Urteilen widersetzt? Diese Fragen hab ich mir zur Jahreswende nicht gestellt. Warum auch – ich konnte drei Sitzplätze anbieten, während man selbst in der ersten Klasse im ICE kaum freie Sitzplätze vorfand. Wären alle alleine mit dem Auto gefahren, hätten alle deutlich mehr Geld ausgegeben – und die Umwelt um das Vierfache belastet. Aber: Darf das, was man als “Privatmensch” frei zum Teilen anbietet, auch “gewerbsmäßig” ohne Regeln geteilt werden? Nein. Diese Veränderungen würden auch nicht am Ende des Wirkungskreises von “Uber” oder “Blablacar” Halt machen. Sie würden sich automatisch auf die Bereiche auch auswirken, in denen noch Regeln vorherrschen. Das Personenbeförderungsgesetz zum Beispiel ist nicht aus Spaß an der Freude erfunden worden.

Nun noch einmal zur freien Wahl von Urlaub, Arbeitszeit und Arbeitsort: Ohne einem Unternehmen wie Microsoft oder dem schillernden Unternehmer Richard Branson schlechte Absichten unterstellen zu wollen, kann sich die neue Freiheit auch als trojanisches Pferd entpuppen. Am Ende steht nicht weniger als das Arbeitnehmerdasein in vielen Branchen auf dem Spiel. Zwar ist auch eine in Heimarbeit tätige Person Arbeitnehmerin. Aber auch hier gelten tarif- oder einzvertraglich beziehungsweise gesetzlich geregelte Parameter zu Urlaub und Arbeitszeit. Wenn alle Bausteine, die das weisungsgebundene Arbeiten ausmachen, ausgehebelt werden, existiert am Ende womöglich kein Arbeitsverhältnis mehr. Die Folgen sind klar: Steuern, Sozialabgaben und Versicherungen rund um die berufliche Tätigkeit müssen selbst getragen und organisiert werden.

Es ist wichtig, in künftigen Auseinandersetzungen neue Freiheiten zu erstreiten. Der Wandel bietet es förmlich an. Dieser darf aber nicht zu einem Wandel der Verantwortlichkeit führen.

Hinterlasse einen Kommentar