31 März 2015 ~ 0 Comments

Sperrt die Irren ein!

Das Drama um den Germangwings-Flug 4u9525 ist an sich schon schlimm genug. Die Rolle der Medien ist auf vielen Seiten (unter anderem bei Stefan Niggemeier und FAZ) diskutiert worden. Es geht um skandalöse Zustände, wenn Journalisten trauernde Schülerinnen und Schüler belagern, um ein paar O-Töne zu bekommen. Oder darum, dass noch gar nicht feststeht, ob hier nun Suizid oder technischer Defekt vorliegen. Nichts ist richtig geklärt. Lösung eins ist wahrscheinlicher als Lösung zwei. Und schon haben wir alle eine Meinung.


Wie gesagt: Darüber ist genug geschrieben und diskutiert worden. Gerade BILD hat sich in diesen Tagen wieder einmal darum bemüht, ihrem Ruf gerecht zu werden. Natürlich: Wessen Schlagzeile schneller ist, dessen Seite verzeichnet mehr Klicks. Wer aktueller ist, dem glaubt man eher – und so weiter.

Man muss für sich selbst entscheiden, welche Medien man konsumiert und wie man die richtige Auswahl trifft. Wer bei einem Unfall Gaffer ist, will es auch im Internet sein. Das nervt zwar, aber ist in aller Regel auch nicht verboten.

Schlimm wird es aber, wenn Medien nicht nur die Schnellsten und Größten sein wollen, sondern unterschwellig auch noch ihre Agenda durchsetzen möchten. Bei meinem nächtlichen Streifzug durchs Netz fand ich je einen Artikel und Kommentar zu “4u9525” auf bild.de. Der Artikel arbeitet sich an Zitaten des Lufthansa-Chefs Carsten Spohr ab. Rolf Kleines (ja, der war mal Pressesprecher von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück) Kommentar bringt hierzu die vermeintlich passende Schlussfolgerung.

Schauen wir uns beide Texte mal genauer an.

Artikel: “Was sagen Sie jetzt, Herr Lufthansa-Chef?” (Wird als Interview auf bild.de angekündigt, ist es aber nicht…)

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Schlussfolgerung: Co-Pilot Andreas L. war zum Zeitpunkt des Flugscheinerwerbs – so die Quelle – offenbar nicht suizidgefährdet. Eine solche Suizidgefahr konnte auch im Nachgang nicht attestiert werden. Der Pilot war seinerzeit auch noch einige Jahre jünger (zum Todeszeitpunkt war L. 27 Jahre alt).

BILD bereitet die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft (hier in voller Länge) sehr knapp auf und schiebt der Fluggesellschaft eine große Verantwortung zu. Da werden der “New York Times”, die ausdrücklich die Meinung anderer wiedergibt, folgende Worte in den Mund geschoben:

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Man könnte sich natürlich auch fragen: Wieso ist es eigentlich erneut eine Staatsanwaltschaft, die in der Öffentlichkeit einen solch schlechten Job macht? Sie ist es, die ellenlang in einer Pressemitteilung die therapeutische Behandlung des Co-Piloten thematisiert. Nur ganz weist sie darauf hin, dass ein Zusammenhang mit dem möglichen Flugzeug-Suizid wohl gar nicht besteht.

Die Staatsanwaltschaft täte gut daran, sich entsprechend zurückzuhalten. Die Fälle Edathy und Wulff lassen grüßen. Eine Staatsanwaltschaft ist keine Presseagentur. Das Verhalten der Behörde führt in diesem Fall dazu, dass BILD einen tendenziösen Artikel mit dazu gehörigem Kommentar veröffentlichen kann.

 

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Schlussfolgerung: Wer in Therapie ist, darf nicht arbeiten. Zumindest nicht dort, wo man auch Verantwortung mit Menschen tragen könnte. Liebe Großküchen-Köche: Überlegt es euch gut, an schlechten Tagen einen Psychologen aufzusuchen. Alleine dieser Umstand könnte dazu führen, dass der oberste Zeigefinger dieser Republik, BILD, nun Angst vor verkorkstem Essen schürt. Liebe Busfahrer/innen, Erzieher/innen, Lehrer/innen und so weiter: Für euch gilt das Gleiche.

Was bedeutet eigentlich das von Kleine geforderte Berufsverbot für Menschen, die irgendwann einmal Suizidgedanken gehabt haben? Wir reden hier über Tausende, die nach dem Maßstab bestimmte Berufe nicht mehr ausüben dürften. Und das viele Jahre nach diesen Krisen. Als suizidgefährdet gelten vor Menschen mit “Risikofaktoren” im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Wer Rolf Kleine konsequent weiterdenkt, kann nur fordern: Sperrt die Irren ein!

Diese Art Journalismus macht es nicht einfacher, Menschen mit psychischen Störungen den Weg zur Therapie zu ebnen. Dieser Journalismus geht nun sogar so weit, dass verfassungsrechtlich geschützte Güter (ärztl. Schweigepflicht) von Peer Steinbrücks Ex-Sprecher zur Disposition gestellt werden. Ältere Semester fühlen sich an die AIDS-Debatte vor dreißig Jahren erinnert. Noch ältere Jahrgänge denken möglicherweise an noch dunklere Zeiten deutscher Geschichte zurück.

Bewertung: Mir geht es nicht um diesen Co-Piloten. Es geht mir auch nicht um dieses singuläre – wenn auch dramatische – Ereignis. Immer wieder werden Grundrechte hinterfragt, wenn Katastrophen durch einzelne Menschen ausgelöst werden. Man kann solche Schicksalsschläge nicht mit Light-Grundrechten verhindern.

Es kotzt mich einfach an, dass solche Tragödien immer wieder von politischen Extremisten genutzt werden, um ihre perverse “Hidden Agenda” zu verbreiten. Grundrechte sind Abwehrrechte gegen Unterdrückung und Diskriminierung. Wer zur Einschränkung dieser aufruft, öffnet neue Wege für Unterdrückung und Diskrimierung. Und wer das möchte, soll das bitte auch so sagen. Ohne schlimme Ereignisse als Vorwand zu verwenden.

 

Screenshots vom 31.3.2015
Quellen: BILD online (Artikel) BILD online 2 (Kommentar von Rolf Kleine)

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