22 April 2013 ~ 0 Comments

Stewart is back (?)

Ich wollte eigentlich in diesen Tagen mal wieder einen Text über Musik bzw. Pop-/Rock-Musik schreiben. Und dann kam ein Wochenende mit Peer Steinbrück. Die Diskussion um Uli Hoeneß’ Bankkonto in der Schweiz verspricht auch einiges an Brisanz. Über was soll ich nun schreiben? Vielleicht über alles. Nacheinander. Die Hoeneß-Debatte wird sicherlich noch einige Tage laufen, Peer Steinbrück bleibt bis zum 22. September Kandidat – und danach ist er designierter Bundeskanzler. Das hat also auch noch ein bisschen Zeit. Also erstmal zur Musik:

Rod Stewart bringt Anfang Mai ein neues Album heraus. Unter dem Titel “Time” versammeln sich 12 neue Songs des Barden, davon elf selbst geschriebene Stücke. Das zwölfte Lied ist “Picture In A Frame” – geschrieben von Tom Waits. Bei Waits bediente sich Stewart schon mehrfach. Die Coverversion von Waits’ “Downtown Train” wird auch heute noch, über 20 Jahre nach der Veröffentlichung, gerne im Radio gespielt.

Vor einigen Wochen konnte man schon in ein paar Songs des neuen Stewart-Albums reinhören. Offensichtlich wurden sie von irgendwem “geleakt” und bei Youtube eingestellt. Heutzutage wird alles geleakt. Ich warte auf den Tag, an dem man Fotos von mir und meinen beiden Hausaffen veröffentlicht, wie wir im Garten gemeinsam Badminton spielen. Aber zurück zur Sneak Preview in der juristischen Grauzone: Ich war alles andere als begeistert. Schon länger zog sich das Gerücht, Rod Stewarts nächstes Album werde zum ersten Mal seit vierzehn Jahren auch wieder eigenes Material vorweisen (eigentlich ist es noch länger her, auf dem Studioalbum “When We Were The New Boys” war bloß der Titelsong aus der Feder von Rod Stewart und seiner alteingesessenen Songwriter-Crew um Kevin Savigar). Es wurde aber auch Zeit nach den ganzen American Songbooks und anderen Cover-Alben. Sicherlich: Auch die hatten ihre Highlights. Manche Swing-Standards hat “Rod the Mod” auch gut aufgemotzt. Ich muss mir allerdings eine Coverversion von Bonnie Tylers “It’s A Heartache” von Roddie anhören – ganz weit weg von Tylers Interpretation konnte sie ja nicht entfernt sein.

Ich habe mich auf diese Songs gefreut. Für mich war es schon als kleines Kind ein Wettbewerb gegen alle Radiosender, möglichst viele Rod-Stewart-Songs auf Kassette aufzunehmen und sie dann noch irgendwie musikalisch zu begleiten (mit alten Gitarren, Kleiderbügeln, Ess-Stäbchen oder auch Flaschen). Wo in jeder anderen Kinderstube Rolf Zuckowski gehört wurde, gab es eben bei uns zuhause die Stones, Fleetwood Mac, Queen, Westernhagens Halleluja-Album oder eine ganze Palette an Scheiben von Rod Stewart – keine Urlaubsfahrt begann nicht ohne Rod im Kassettendeck oder später im CD-Player (weitere Texte zur gemeinsamen Geschichte von Rod Stewart und mir hier und hier). Ohne ihn hätte ich keinen Zugang gehabt zu Soul-Music à la Cooke und Redding, geschweige denn auch nur eine Ahnung davon gehabt, wie wertvoll Songwriting und Interpretation à la Tom Waits ist. Fast alle Freunde von mir machen sich lustig über mich, weil ich Rod Stewart höre. Da bin ich aber gerne Außenseiter. Gerade die “alten” Lieder, die durchgehende vagabundeske Linie des Storytellers fixen mich immer wieder aufs Neue an. Ich wehre mich auch gegen die Stimmen, die Rod nachsagen, dass er den richtigen Zeitpunkt für den Abgang nicht gefunden habe.

Tja, und dann höre ich die ersten Fetzen des neuen Albums. Und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass meine ewigen Rod-Widersacher Recht behalten sollten. Sound und Texte waren für mich schon sehr schlagerlastig. Ich konnte nicht alle Songs des Albums komplett hören, der Eindruck zog sich jedoch durch bei dem, was ich gehört hatte. Zur gleichen Zeit bestellte ich trotzdem ganz treu Karten für das Konzert am 3. Juli in der Westfallenhalle. Wer weiß, ob er danach noch einmal kommen würde?

Neulich war ich auf der Internetseite von Universal Music Deutschland und kam irgendwann auch auf die Labelseite von Rod Stewart. “TIME” ist Stewarts erstes Universal-Album. Dort entdeckte ich einen Trailer zu “TIME” und zwei Musikvideos. Ich klickte alles pflichtgemäß an und war erstaunt: Mit “She Makes Me Happy”, der ersten Single-Auskopplung, ist ihm doch ein guter Wurf gelungen. Der Song ist ohrwurmgeeignet. Es gibt die Stewart-typischen Folk-Anleihen. Tempo und Klang setzen bei “When We Were The New Boys” an, sie stehen sinnbildlich wie Geschwister zueinander. Gewiss: Dieser Song erzählt die Geschichte eines Clochards bzw. Vagabunden, der sich auf die Niederungen von monogamen Liebesbeziehungen begeben hat und sogar glücklich darüber ist. Keine Spur von “Maggie May”, “Tonight I’m Your’s”, “Red Hot In Black”, “Da Ya Think I’m Sexy” oder “I Was Only Joking”. Dafür ist es mehr wie das in der Szene verkannte “Mandolin Wind” oder “Almost Illegal”.

Stewart ist nun 68 und die neuen Songs sind eben bürgerlicher als die frühen Stücke. Aber: Beim Betrachten des Videos zu “She Makes Me Happy” war dieses alte Gefühl wieder da. Es erinnert mich an diese Momente, in welchen ich “This Old Heart Of Mine” oder “Rhythm Of My Heart” im Airplay auffinden konnte. Die Produktion von Song und Video waren deutlich besser als erwartet. “She Makes Me Happy” ist eine schöne Up-Tempo-Nummer und weckt Sehnsüchte – Bürgerlichkeit hin oder her. Ich will auch ein Leben am Lagerfeuer, wie in diesem Video.

Fazit: Ich freue mich auf das Album-Release. Die geleakten Stücke von einst scheinen ganz frühe Rohversionen gewesen zu sein, der Trailer verspricht eingängige Riffs, bestimmende Schlagzeugklänge und einen satten Sound. Gerade als Stewart-Fan der jüngeren Generation, der den Altersdurchschnitt der Fan-Gemeinde deutlich nach unten zieht, freue ich mich, ein neues Album, gespickt mit Songs aus Stewarts Feder, im Mai in meinen Händen halten zu dürfen.

 

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