13 April 2015 ~ 0 Comments

Vielen Dank Günter Grass

WP_20150413_13_39_43_ProGünter Grass ist tot. Ein großer Mann hat uns verlassen. Der Literatur-Nobelpreisträger. Der Mahner, der Wahlkämpfer, der Autor, der Provozierende, der Überspitzende. Nicht immer habe ich ihm in den letzten Jahren folgen können, zum Beispiel beim Thema Israelkritik. Dennoch bleibt er für mich ein Vorbild, das mich vor allem in meiner Jugend begleitet, vielleicht auch ein Stück weit geprägt hat.

Das erste Mal bin ich auf ihn und seine Familie Mitte der 90er Jahre gestoßen. Seine Schwester Waltraud wohnte hier (und war viele Jahre in der Lüdenscheider SPD aktiv). Zu Familienfeiern und Lesungen kam nicht selten in meine Heimatstadt. In der Regel schlief er in direktester Nachbarschaft, da die Familienfeiern oft im Hotel meiner Großeltern bzw. später meines Vaters und meines Onkels stattgefunden haben. Leider kamen die – seinerzeit – jüngsten Nachfahren des Literaten ein wenig zu spät, sonst wären sie mit mir auf den Fußballplatz gegangen. So close! Sonst hätte hier stehen können: Ich hab mit Nachfahren des Großen Fußball gespielt. Aber das ist nicht das Thema.

Mit elf und zwölf Jahren habe ich begonnen, Grass-Literatur zu lesen. Sperrige, lange Sätze reihten sich aneinander. Und ich konnte kaum Zusammenhänge erschließen. Deswegen legte ich “Katz und Maus” und die “Blechtrommel” noch einmal zur Seite. Vielmehr Gefallen fand ich an einer BILD-Zeitung Ende der 90er Jahre. “Halt’s Maul, trink deinen Rotwein” titelte das Boulevardblatt. Es war ein Zitat von Günter Grass, das er in Richtung Oskar Lafontaine gerichtet hatte. In diesen Jahren kam es öfter vor, dass ich – völlig unbedarft – am Kiosk eine BILD auf dem Weg zum Schulhof gekauft hatte. Ich war damals um die 12 Jahre alt und wollte wohl in der Schule provozieren. Aus dieser Zeit bleibt mir auch die Schlagzeile “Schumi, steig’ aus der roten Gurke” in Erinnerung.

Im Jahr 2000 war Günter Grass das letzte Mal im Hotel, als es noch meiner Familie gehörte. Insofern ist er auch ein Stück Erinnerung an diesen Teil meines Lebens. Aus dieser Zeit reicht die oben links illustrierte Danksagung. Ich war damals fast 14 Jahre alt und er saß neben mir am Tresen, als er diesen Kuli-Butt für meine Familie anfertigte.

Dieses Aufeinandertreffen nahm ich zum Anlass, erneut nach den Grass-Büchern zu greifen. Wenige Zeit später hielt ich im Deutsch-Unterricht mein erstes Referat mit Powerpoint zur “Blechtrommel”. Es war damals noch schwierig, die nötige Hardware an der Schule (Beamer, Laptop etc.) an der Schule zu besorgen. Im Deutsch-Leistungskurs fertigte ich ein paar Jahre später eine Facharbeit zum Schelmenroman an – und verglich den Simplicius mit Oskar Matzerath.

Am 20. September 2002 sah ich Grass auf der großen Abschlusskundgebung der SPD zur Bundestagswahl. Ich bin kurz vorher SPD-Mitglied geworden. Heute kaum vorstellbar: Die große Westfalenhalle war über die letzten Plätze hinaus gefüllt. Mein damaliger Kumpel ich mussten auf einer Oberrang-Treppe Platz nehmen. Viele andere mussten in die kleineren Hallen ausweichen, für sie wurde die Kundgebung übertragen. Neben Bundeskanzler Gerhard Schröder waren unter anderem der damalige schwedische Ministerpräsident Persson, Franz Müntefering und eben Günter Grass auf der Bühne. Letzterer erinnerte vor allem an die historischen Verdienste der Sozialdemokratie. Vielleicht hatte der Schriftsteller eine Vorahnung, was passieren könnte: Drei Jahre vor dem gemeinsamen Wahlkampf-Auftritt der SPD-Abspaltung WASG und PDS schaute Grass zurück in die Vergangenheit. Dabei ließ er kein gutes Haar an Kommunisten, die sich vor und nach dem Krieg gerne daran übten, Sozialdemokraten eins auf die Rübe zu geben. Nach seiner historischen Rede, dem Volladrenalin-Vortrag von Gerhard Schröder und dem stakkatokurzen Schlussstatement von Franz Müntefering war mir klar, im September 2002 die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nämlich: SPD-Mitglied zu werden. Auch hier streifte Günter Grass mein Leben.

waffenssgrassEinen großen Aufschrei gab es im Jahr 2006. Günter Grass gab in “Beim Häuten der Zwiebel” zu, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Viele meinten plötzlich, jegliche Kritik von Grass am herrschenden System und vor allem an den Ewiggestrigen sei damit unglaubwürdig geworden. Einige – wie der damalige JU-Bundesvorsitzende Philipp Mißfelder – forderten Grass zur Rückgabe des Nobelpreises auf. Die Lächerlichkeit dieser Kritik thematisierte ich 2006 auf meinem alten Blog (ferbian.blogg.de – leider kann man die Texte nicht mehr aufrufen, die besten werde ich hier bald noch mal online stellen). Unter dem Titel “Fabian Ferber gesteht: ‘Auch ich war in der Waffen-SS’” habe ich die Verstrickungen einiger damals junger und nicht mehr ganz so junger Männer aufgezählt. Was ist mit den Herren Kiesinger oder Genscher? In dem Zeitraum kamen einige vermeintliche Nazi-Outings hervor. Dieter Hildebrandt sollte zum Beispiel – angeblich ohne es gewusst zu haben – NSDAP-Mitglied gewesen sein. Jugendlichen, die ihre Kindheit und Jugend fast ausschließlich im Nazi-Reich verbracht haben, kann man nicht vorwerfen, mitgelaufen zu sein. Wer mit 17 Jahren Teil der Waffen-SS geworden ist, ist Opfer der NS-Erziehung gewesen.

Umso wichtiger, dass Grass schnell die Gräuel des Nazi-Systems erkannt hat und zu denen gehörte, die den “tausendjährigen” Muff unter den Talaren nicht akzeptieren wollten. ‘68 und die Verdrängung der Vergessenskultur wären ohne Grass und dessen Mistreiter im Geiste nicht möglich gewesen. Die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen ohne die Blechtrommel? Kaum vorstellbar.

Nicht nur deswegen möchte ich den Dank an meine Familie aus dem Jahr 2000 zurückgeben: Vielen Dank, Günter Grass.

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